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Archive - Konstruierung von Sowjetpatriotismus: Kriegserziehung und Kriegsertuechtigung in der Uralregion in de - Comments

Olga Nikonova - 11.05.2004 17:11
Lieber Herr Haumann,

ich bedanke mich f?r Ihre Fragen und die Anregungen, die ich nicht nur "virtuell", sondern auch w?hrend der Diskussion in Basel bekommen habe.

Zum Kontext der "großen" Politik: Der Rahmen der Innen- und Außenpolitik ist bei der Analyse des Sowjetpatriotismus nicht wegzudenken. F?r die Konstruktion des Herrschaftsdiskurses, der auf die gesellschaftliche Einheit und die Konsolidierung der Bev?lkerung abzielte, war die Abgrenzung sowohl nach innen als auch nach außen außerordentlich wichtig. Die Auswertung der OSOAVIAKHIM-Akten, die im Zusammenhang mit verschiedenen außenpolitischen Ereignissen entstanden waren (z.B. Konflikt mit China von 1929 oder Krieg in Spanien etc.), zeigte auch, daß sich die Feindbilder von ?ußeren und inneren Feinden ?berlagerten. Die chinesischen Gener?le wurden als "Weissbanditen" (белобандиты) bezeichnet und spanische Kommunisten zu "unseren" gez?hlt. Die allm?hliche Abkehr von der Losung der Weltrevolution sehe ich gleichzeitig als den politischen Rahmen f?r den Sowjetpatriotismus, der nun auf ein sozialistisches Land - die UdSSR - und nicht auf die vereinigte Staaten von Europa bezogen wurde.

Zur "Kriegsgeneration": ich denke, daß die Teilung der Kriegsgeneration in die "Ersten Weltkriegsgeneration" und die "B?rgerkriegsgeneration" mir nicht besonders viel bringt. Die Mehrheit der Kriegsveteranen hat beide Kriege erlebt, und die Kriegserfahrungen lassen sich kaum voneinander trennen.

Zur "lebensweltlichen" Sichtweise: Dieser Aspekt der Analyse interessiert mich am meisten. Bis jetzt habe ich leider zu wenig sog. "ego"-Dokumente gefunden, die die Ann?herung an die "subjektive" Erfahrungsebene erlauben. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

F?r den Verweis auf den Kontakt mit Vera Spiertz bin ich dankbar. Ich werde mich mit ihr in Verbindung setzen.

Heiko Haumann - 29.03.2004 14:21
Ich finde Euren Ansatz ausserordentlich spannend, und ich
stimme auch mit den Grundthesen ueberein. Damit kann man gut arbeiten,
und ich denke, dass die Analyse des Buergerkrieges als Gruendungsmythos
unter Einbezug der Prozesse ?von unten? sowie die Untersuchung des
Sowjetpatriotismus vieles erklaert. Ich habe nur ein paar Bemerkungen:

2) Zum Papier von Olga Nikonova: Auch hier habe ich keine
grundsaetzlichen Einwaende, sondern finde die Projektskizze insgesamt
ueberzeugend. Fragen moechte ich, inwieweit die Rueckbindung an
innenpolitische Vorgaenge in die Analyse einbezogen wird (ueber das
hinaus, was im Abschnitt ueber den Kontext der ?grossen? Politik gesagt
wird), oder auch an solche Ereignisse wie die gescheiterten Aufstaende
in Deutschland, das Debakel in England und China etc. (als Schritte der
allmaehlichen Abkehr von der Hoffnung auf die Weltrevolution)?
Vielleicht waere auch zu ueberlegen, ob innerhalb der ?Kriegsgeneration?
der ?Buergerkriegsgeneration? spezielle Aufmerksamkeit geschenkt werden
sollte (gerade in Verbindung zu Igor Narskijs Papier). Nach den
Erfahrungen von Vera Spiertz, die in dem Projekt ?Jugend und Gewalt?
(Plaggenborg/Haumann) mitgearbeitet hat und jetzt an ihrer Dissertation
sitzt, muesste man die Frage nach Gewaltforderungen in der Roten Armee
differenzieren (vielleicht lohnt sich eine Kontaktaufnahme:
VeraSpiertz@web.de). Ich wuerde natuerlich auch die lebensweltliche
Sichtweise in die Untersuchung einbringen, etwa bei den ?Helden? des
Sowjetpatriotismus oder bei den Mitgliedern von Osoaviachim.




Carmen Scheide - 20.03.2004 14:13
Basel
14. Maerz 2004

Die Texte von Igor Narskij und Olga Nikonova verweisen auf ein bislang zu wenig untersuchtes Gebiet der frьhen sowjetischen Geschichte: Die Bedeutung des Buergerkrieges fьr alle Bereiche des Lebens, also sowohl die Politik als auch das Alltagsleben. Igor Narskij zeigt sehr gut auf, wie praegend der Buergerkrieg als Erfahrung von Leid, Verlust und Grauen fuer die fast alle Menschen war und wie die Erinnerung daran fuer die Ziele der neuen Machthaber instrumentalisiert wurde. Die Erinnerung an den Buergerkrieg in Form von festen und Propaganda bot den Menschen Deutungsmuster fuer eine Alltagserfahrung, zudem griff die Form der Erinnerung auf traditionelle Ahnenkulte zurueck.

Mich wuerde es interessieren, ob man den Prozess genauer erfassen kann, wie die staatlichen Deutungsmuster in den Alltag eindrangen, in welchen Lebenssituationen Individuen die propagierten Sichtweisen uebernahmen. Welche Rolle spielte die Kirche bei der Durchfuehrung der Feste, wurde sie im Ural zunaechst bewusst mit einbezogen?

In bezug auf beide Beitraege interessiert mich der Ursprung der ?Gruendungsmythen?: gab es literarische oder historische Vorbilder dafuer?
Wenn man davon ausgeht, dass sie bei den Menschen Anklang fanden, moechte ich wieder fragen, wie sich das erklaeren laesst. Gab es Bezuege zu kollektiven Wert- und Normvorstellungen?
Allgemein interessiert mich die Frage nach der Schnittstelle zwischen der Mikro- und Makroebene, also zwischen Strukturen und Lebensweisen.


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